Öffentliche Toiletten für Berlin
Strategische räumliche Lösungen für öffentliche Toiletten zur Aufwertung des Stadterlebnisses in Berlin
Region
Europa und Nordamerika
Datum
2017
Leistung
Stadtplanung und -transformation
Projektdetails
Ort
- Berlin (Deutschland)
Typ
- Auftrag
Kunde
- Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt
Partner
- Zebralog GmbH
Fläche
89100ha
Warum
Auf den ersten Blick mag eine Strategie für öffentliche Toiletten nicht recht zu einem Büro passen, das sich mit städtebaulichen Großprojekten befasst: „Toiletten? Das ist nicht unser Metier.“ Doch dann folgte ein Perspektivwechsel.
Öffentliche Toiletten sind nicht bloß funktionale Einrichtungen; sie sind ein wesentlicher Bestandteil der städtischen Nutzung – und fügen sich nahtlos in die Überzeugung von TSPA ein, dass Städte die Verantwortung tragen, den Zugang für alle zu gewährleisten.
Strategie für öffentliche Toiletten
Im Rahmen dieses detaillierten Beteiligungsverfahrens bewertete TSPA bestehende Standorte und identifizierte neue, definierte Ausstattungsmerkmale und schlug potenzielle Kooperationspartner vor.
Für neue Toilettenstandorte in Berlin wurden Anforderungen hinsichtlich Sicherheit, Ausstattung, Umweltfreundlichkeit, Hygiene und Wartung festgelegt. Unsere Strategie sieht drei Versorgungsszenarien vor: Im Rahmen der Grundversorgung sollen 257 öffentliche Toiletten errichtet werden (2019 bis 2020). Abhängig von den finanziellen Rahmenbedingungen ist eine verbesserte Versorgung an 366 Standorten geplant (Umsetzung 2021 bis 2022).
Nach einer Evaluierung wird eine Option zur erweiterten Abdeckung mit 447 Standorten in Betracht gezogen. Diese erweiterte Versorgung soll frühestens ab 2024 in Angriff genommen werden.
Aspekte der Planung öffentlicher Toiletten
Inklusion – für alle Nutzer
Stadtverwaltungen tragen die Verantwortung dafür, allen Menschen Zugang zu ermöglichen. Doch was bedeutet es eigentlich, Räume für alle Nutzergruppen zu gestalten?
Menschen können unterschiedliche „Umwelten“ erleben, auch wenn sie sich im selben physischen Umfeld bewegen. Daher sind die Vielfalt unter den Planenden sowie eine aktive Einbindung der Betroffenen für inklusives Design unerlässlich. Stadtplaner müssen Räume nicht nur für jene Lebenswelten entwerfen, denen sie selbst unmittelbar begegnen, sondern auch für solche, die ihnen fremd sind.
Ein Beispiel hierfür: Wussten Sie, dass viele Berliner Rentnerinnen und Rentner ihre Einkäufe am Samstag danach planen, wo öffentliche Toiletten zugänglich sind? Genau diese Erkenntnis haben wir gewonnen und in unsere GIS-Datenebenen integriert.
Häufig werden verschiedene schutzbedürftige Gruppen pauschal zusammengefasst. Bei der inklusiven Gestaltung ist es jedoch entscheidend zu erkennen, dass diese Gruppen – auch wenn sie unter einem Sammelbegriff geführt werden – tatsächlich unterschiedliche, berechtigte Bedürfnisse haben. Zudem können diese Bedürfnisse miteinander in Konflikt stehen.
Hier ein Beispiel: Ein Familienverband setzte sich dafür ein, Wickeltische in die Ausstattung öffentlicher Toiletten zu integrieren. Ein Behindertenverband wies jedoch darauf hin, dass diese Tische im ausgeklappten Zustand die Bewegungsfreiheit von Rollstuhlfahrern einschränken.
Solche differenzierten Wechselwirkungen verdeutlichen, wie komplex die Gestaltung von Räumen ist, die den Bedürfnissen aller gerecht werden sollen. Die Verantwortung der Stadt besteht daher nicht nur darin, diese Komplexität anzuerkennen, sondern auch darin, sie mit dem Ziel eines gleichberechtigten Zugangs zu bewältigen.
Kosteneffizienz
Die Wirtschaftlichkeit hängt von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen dem Bereitstellungsumfang (Anzahl der öffentlichen Toiletten), den Planungs- und Baukosten sowie den Instandhaltungskosten ab. Dabei nehmen die Instandhaltungskosten den größten Anteil an den Gesamtkosten ein.
Das Bereitstellungsangebot wird von einer Reihe von Faktoren und Akteuren beeinflusst: Interessengruppen, gesetzlichen Vorgaben und kommunalen Finanzüberlegungen.
Auch wenn die Baukosten im Vergleich zur gesamten Nutzungsdauer einer öffentlichen Toilette – etwa 20 Jahre – eher zweitrangig erscheinen, stehen sie aufgrund der gewählten Konstruktion und Materialien in einem engen Zusammenhang mit den Instandhaltungskosten. Im Laufe der Zeit können verschiedene Bauteile reparatur- oder austauschbedürftig werden. Zudem erfordern Toiletten Sauberkeit und regelmäßige Reinigungsabläufe.
Gestaltungsqualität und Ästhetik
Öffentliche Toiletten sind Teil der öffentlichen Infrastruktur; sie müssen sich daher in das Stadtbild einfügen und sowohl mit historischen Vierteln als auch mit touristischen Zielen und Verkehrsknotenpunkten harmonieren. Diese Integration darf jedoch nicht dazu führen, dass sie unkenntlich werden. Öffentliche Toiletten müssen ein Gleichgewicht finden: Sie sollen ästhetisch herausragen und zugleich als solche eindeutig erkennbar bleiben.
Betrachten wir nun das Innere öffentlicher Toiletten. Angesichts der vielfältigen Nutzerschaft ist hier ein inklusives Design von entscheidender Bedeutung. Inklusivität zeigt sich dabei in gestalterischen Aspekten wie kontrastreichen Oberflächen, geeigneten Höhenniveaus und ausreichend Platz für Rollstuhlfahrer, um ein Wendemanöver (die sogenannte Drei-Punkt-Wende) auszuführen.
Ein weiterer entscheidender Aspekt bei der Gestaltung öffentlicher Toiletten ist die Sicherheit.
Sicherheit
Bei Sicherheit geht es nicht nur um die Vermeidung von Unfällen und Verletzungen, sondern auch um das subjektive Sicherheitsempfinden.
Sicherheit und das Empfinden von Sicherheit sind kulturell geprägt. Im Fall von Berlin erwiesen sich gut beleuchtete Bereiche und spiegelnde Oberflächen – strategisch günstig nahe den Eingängen platziert – als zentrale Anliegen der Beteiligten.
Ein konkretes Beispiel zur Veranschaulichung: Stellen Sie sich eine öffentliche Toilette am Rande eines Parks vor. Sollte die Tür zur belebten Straße hin ausgerichtet sein, die am Park entlangführt, oder zum Parkinneren hin? Ihnen wird auffallen, dass die Türen öffentlicher Toiletten in oder nahe Berliner Parks stets zu Bereichen hinweisen, in denen Fußgänger- oder Fahrzeugverkehr herrscht.
Einige öffentliche Toiletten in Berlin verfügen über Außenurinale. Die Konstruktion bietet Sichtschutz und Schutz vor Witterungseinflüssen, doch diese Urinale kommen auffälligerweise ohne Türen aus; die Nutzung ist zudem kostenlos. Toilettenanlagen mit WC-Becken und Waschbecken hingegen sind mit Türen ausgestattet, allerdings kostenpflichtig. Dies stellt eine Benachteiligung für diejenigen dar, die sich zum Urinieren entkleiden müssen – und zwar sowohl hinsichtlich des Angebots als auch der anfallenden Kosten.
Wir stellten verschiedene Entwürfe für geschlechterinklusive Urinale vor, um die Beteiligten einzubeziehen. Dabei wurde jedoch zunehmend deutlich, dass Türen für das Sicherheitsgefühl von großer Bedeutung sind. Türen sind besonders wichtig für Menschen, die sich bei der Nutzung der Anlage ganz oder teilweise entkleiden müssen.
Hygiene
Die Bedeutung hygienischer öffentlicher Toiletten kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie stellen ein entscheidendes Kriterium für das Betriebskonzept dar und machen die Anlagen zu einem wertvollen Bestandteil der städtischen Infrastruktur.
Wie bei anderen Standards der öffentlichen Infrastruktur beeinflusst die Sauberkeit sowohl die Nutzung als auch den Instandhaltungsaufwand – und öffentliche Toiletten bilden hierbei keine Ausnahme. Die Stadt Berlin setzte gezielt auf automatische, selbstreinigende Toilettenanlagen. Dies dient dazu, die Wartungsabläufe zu optimieren und zugleich einen kontrollierten sowie nachvollziehbaren Verbrauch von Wasser und Strom zu gewährleisten.
Kommunikation
Es reicht nicht aus, lediglich Einrichtungen bereitzustellen; die Öffentlichkeit muss von deren Existenz wissen und sie positiv wahrnehmen. Es ist entscheidend, einen Dialog über öffentliche Toiletten in Gang zu bringen. Dabei geht es um mehr als nur um Infrastruktur; es geht darum, das Stadterlebnis zu verbessern und einen gleichberechtigten Zugang zu gewährleisten.
Die Stadt Berlin übernahm über ihre Marketingabteilung die Aufgabe der Kommunikation.
Umweltreagibilität
Das Einsparen von Wasser und Energie geht über die reine betriebliche Effizienz hinaus; es ist Ausdruck von Umwelt- und Klimaverantwortung. Öffentliche Toiletten sollten als unverzichtbare Einrichtungen diesen Ansatz widerspiegeln.
Szenarien auf öffentlichen Toiletten
Wir begannen unsere GIS-Arbeit mit der Kartierung bestehender Toilettenstandorte; dies umfasste die Überprüfung und Bereinigung der verfügbaren Daten. Dabei wurden sowohl öffentliche Toiletten als auch Anlagen in Einrichtungen wie Restaurants und Einkaufszentren berücksichtigt und die Daten unter Einbeziehung der Öffnungszeiten gewichtet.
Auf dieser bereinigten Datengrundlage lag der Schwerpunkt anschließend auf der Identifizierung von Orten, die einen Bedarf erzeugen – etwa Sehenswürdigkeiten, Parks, Unterhaltungsbereiche, Knotenpunkte des öffentlichen Nahverkehrs und Spielplätze.
Um das Verfahren zu verfeinern, wurden Empfehlungen der Berliner Bezirke und verschiedener Interessengruppen in die Daten integriert. Danach erstellten wir für jeden dieser Bedarfsschwerpunkte eine Ebene, die den Radius (Entfernung in Metern) zu einem potenziellen Toilettenstandort darstellt.
Dieses Verfahren liefert eine Prioritätenkarte, die als Entscheidungshilfe für den Bau neuer Toiletten dient. Zudem eröffnet sie die Möglichkeit, wenig genutzte Anlagen zu schließen und stattdessen an Standorten mit höherem Bedarf neu zu errichten.
Was wir daraus mitnehmen
Wir haben digitale, datengestützte Methoden nicht nur als Analysewerkzeuge eingesetzt, sondern sie zu Kommunikationsinstrumenten weiterentwickelt. Beiträge aus der Nachbarschaft, die durch partizipative Prozesse validiert wurden, verliehen den empirischen Ergebnissen zusätzliche Tiefe und Legitimität. Es war eine aufschlussreiche Erfahrung zu beobachten, wie nahtlos die Präferenzen der Nachbarschaftsinitiativen oft mit den GIS-basierten Analysen übereinstimmten.
Datengestützte Analysen und eine fundierte Einbindung von Stakeholdern und Bürgern sind häufig voneinander entkoppelte Prozesse. Im Fall der Berliner öffentlichen Toiletten war es jedoch gerade das dynamische Zusammenspiel dieser beiden Aspekte, das wir bei TSPA nun als festen Bestandteil unserer Arbeitsweise übernommen haben.